CD-Tipp

Circus Of Fools – Rex


Das Album der Woche – KW 35/2018

Circus Of Fools – Rex
(Bleeding Nose Records, V.Ö. 31.8.2018)

Der Zirkus kommt in die Stadt und mit ihm sieben gar düster anzusehende Narren in schwarz-weiß. Im Gepäck haben sie mit „Rex“ ihr zweites Album, das nach dem selbstproduzierten Vorgänger „Raise The Curtain“ zugleich das Label-Debut darstellt. Angeführt wird die Clowns-Horde von Tim Strouken, dem Harlequin, der mit seinen knurrig-fies-bösen Shouts durch’s Programm peitscht, sowie Caro ‚La Columbina‘ Saia, die mit ihrer wunderbar warmen Stimme den perfekten Gegenpart darstellt. Ihr neuestes Programm ist eine irrwitzige Mischung aus heftigen Melodic Death Metal-Eruptionen, die mit herzergreifendem Gothic Rock eine faszinierende Liaison eingehen.

„Rex“ ist eines dieser ganz besonderen Alben, die einen als Gesamtkunstwerk gefangennehmen und begeistern. Von den gruseligen Clowns-Kostümen, über die stimmungsvolle graphische Gestaltung des Booklets bis hin zu den zum Teil sozialkritischen, zum Teil wunderschön poetischen Lyrics stimmt hier einfach alles und bildet einen perfekten Rahmen für das Wesentliche: die Musik! Und die kann das künstlerisch hohe Niveau absolut erfüllen und weiß ein um’s andere Mal zu überraschen.

Der Einstieg efolgt mit dem ruppigen „Testimony Of An Ignorant Prick“, das gleichmal ganz deutlich macht, dass der Melodic Death Metal, trotz aller noch folgenden Stil-Crossovers, nach wie vor der vorherrschende Musikstil von Circus Of Fools ist. „Caligula“ fegt ungebremst gleich hinterher, lässt aber in seinem großartig melodiösen Chorus erstmals so richtig aufhorchen. Was die Tübinger Band danach aber für ein Kreativ-Feuerwerk zündet ist kaum in Worte zu fassen! Mit „Watch Me“ bekommt Neuzugang Caro Saia ihre Bühne und nutzt diese mit einer wunderbar sarkastischen Abrechnung zum Thema YouTuber, Influencer und Co. Es folgt mit „Sideshow – das letzte Sandkorn fällt“ der erste und bisher einzige Song in deutscher Sprache, dessen Lyrics von der Fantasy Autorin Veronika Carver („Wyvern“) verfasst wurden. Das Leid des Narren, der trotzdem immer lachen muss, dargeboten mit wütenden Strophen und einem unglaublich schönen Refrain. Die deutsche Sprache passt dabei derart gut zur Band, dass der Übergang zurück zum Englischen und dem nächsten Track „Fallen Paradise“ fast schon schwerfällt. Spätestens bei dessen umwerfenden, mit leichter Sisters Of Mercy-Schlagseite versehenem Chorus ist das aber schon wieder vergessen. Das könnte so etwas wie die Hit-Single des Albums werden.

Wie sehr Circus Of Fools förmlich vor Kreativität explodieren und wie unfassbar gut sie damit kompositorisch umzugehen verstehen zeigt dann „Drag Me Onto Your Orbit“, für mich das absolute Album-Highlight! Einem brummigen Electro-Beat als Intro folgt ein tonnenschwerer, unheilverkündender Doom Metal-Part. Zur Bridge plötzlich Charleston-Klänge, ganz im Stile der 20er-Jahre, die kurz darauf mit einem elektronischen Beat unterlegt werden. Das ganze schaukelt sich immer weiter auf und mündet in einem ganz klassischen Gothic Metal-Chorus, der in den 90ern für ordentlich Furore gesorgt hätte. Die Band versteht es dabei, diese ganzen, an sich völlig gegensätzlichen Parts so locker und leicht und wie selbstverständlich ineinander fließen zu lassen, als ob man schon immer genau so komponiert hätte. Beeindruckend! Doch selbst hier noch nicht Ende Gelände: das folgende „Sisyphos Was Wrong“ überrascht mit ungewöhnlicher, sich immer weiter hineinsteigender Songstruktur, „Smile Baby“ bietet den typischen Horror-Clown-Zirkus-Kirmes-Sound, „Another World Within“ groovt irre vor sich hin und das abschließende „From Dusk Till Dawn“ bietet dann nochmal knackigen Melo-Death, diesmal raffiniert kombiniert mit einer orchestralen Soundtrack-Hymne… die alte Floskel „großes Kino“ traf selten besser zu.

Fazit: „Rex“ ist nicht geringeres als ein Meisterwerk! Wie sich Circus Of Fools hier in allen Bereichen der düsteren Rockmusik austoben ist schlichtweg atemberaubend. Wo andere Bands überambitioniert Einzelparts zusammenstückeln, spielt der Narrenzirkus mit einer kompositorischen Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit, die ihresgleichen sucht. Die Songs sind spannend, überraschend, tiefgründig und trotzdem jederzeit total eingängig. Auch beim zwanzigsten Durchlauf findet man immer wieder neue spannende Kleinigkeiten, während man nach den großen Ohrwurm-Refrains eh schon lange süchtig ist. Was für ein Hammer! Chapeau!


Bewertung: 6 Chicks = Höchstnote, wir knien vor Ehrfurcht nieder!