Konzert, Roxxy's Blog

ROCK OF AGES 2017 – Tag 3


Begleitet von dunklen Wolken beginnt der letzte Festivaltag mit dem Familienprogramm auf dem Festplatz. Bei einem Spaziergang über das Gelände absolviere ich das Shopping Pensum, hole mir ein Eis und bleibe kurz beim Blasorchester hängen, das gerade „Just A Gigolo“ spielt. Das hört sich richtig gut an, von angestaubter Volksmusik kann absolut keine Rede sein.

So fängt der Tag sehr chillig an, und das ist es was das ROCK OF AGES ausmacht, es ist immer wie ein kleiner Wellness-Urlaub.

Ob im letzten Jahr bereits der Weinstand da war kann ich gar nicht sagen, jedenfalls habe ich ihn in diesem Jahr zum ersten Mal entdeckt und als Nicht-Biertrinker freue ich mich über diese Abwechslung.


KILLCODE

Mit der „Krachmusik“ geht es erst am Nachmittag weiter mit Killcode, der Band, die ich am BANG YOUR HEAD verpasst habe. Daher kam mir die kurzfristige Bestätigung für Seebronn gerade recht.

Killcode wurden zwar bereits in 2008 gegründet, sind bislang aber noch recht unbeschriebene Blätter. Das soll sich nun ändern, seitdem sie im Fahrwasser von Dee Snider bzw. seiner Agentur unterwegs sind.

BANG YOUR HEAD 2016 und 2017, ROCK OF AGES 2017, Autogrammstunden an allen 3 Tagen des ROA (zumindest laut Aushang), da wird geschoben mit aller Kraft.

Marketing muss sein, aber diese Überpräsenz macht mich misstrauisch. Auch dass während des Auftritts fast genausoviele Fotografen wie Musiker auf der Bühne sind, die teilweise auch noch beidhändig filmen, finde ich irritierend.

Musikalisch bin ich aber tatsächlich nach wenigen Stücken schon überzeugt, nicht nur von den Songs, sondern auch von der Stimme von Tom Morrissey, die besonders bei langsameren Songs zur Geltung kommt.

Trotzdem ziehen wir uns schnell wieder von unserem Platz vor der Bühne zurück, denn – man ahnt es schon, der Bass dröhnt zu sehr in unseren Ohren.

Beim Anblick von Gitarrist D.C. Gonzales muss ich spontan an Captain Sparrow denken, das gesamte Stageacting der Band wirkt betont cool, schnelle Bewegungen sind nicht angesagt.

Passt aber zum eher trägen Sound, der modern ist, die klassischen Rockwurzeln aber nicht verleugnet, denn unter den musikalischen Vorbildern befinden sich unter anderem Kiss und Black Sabbath. Beim Stück The Answer sind sogar leichte Hip Hop Einschläge zu hören.

Spreading the Code ist die Message, die uns Killcode mit auf den Weg geben, und das lassen wir uns nicht zweimal sagen, unser Grüppchen macht sich sofort nach dem Autritt auf zum Merch-Stand.

(Setlist – Keine Gewähr für Vollständigkeit und Reihenfolge: Shot, Kickin‘ And Screamin‘, The Answer, Hands Up, You Can’t Stop Rock’n’Roll, 6am Again)


SPIDER MURPHY GANG

In eine völlig andere Stilrichtung haut als nächstes die Spider Murphy Gang, die in Deutschland vermutlich jeder kennt zwischen 9 und 99.

Eigentlich war ihre aktive Schaffensphase bereits nach gut 10 Jahren vorbei, ob es mit dem Niedergang der Neuen Deutschen Welle zu tun hatte, der sie eigentlich unrechtmäßig zugerechnet wurden, oder mit den bayrischen Texten, die den Zugang zu internationalem Publikum erschwerten, man weiß es nicht.

Trotzdem funktioniert das Rezept ihres urigen Rock’n’Rolls live auch heute noch und die Mannschaft um die beiden Ur-Mitglieder Barny Murphy und Günther Sigl transportieren die schon 10.000 Mal gespielten Hits nach wie vor mit Spaß an der Sache.

Stilecht geht es los mit Mir San A Bayrische Band und die Schwaben singen kräftig mit.

Günther Sigl führt mit launigen Sprüchen durchs Programm und gibt den leicht verwirrten Rock’n’Roll Opa, der nicht weiß wo er eigentlich ist und was es mit diesem komischen Handzeichen auf sich hat.

Auch wenn mittlerweile noch einige Wolken mehr aufziehen feiern wir den Sommer in der Stadt, tragen dazu unsere Rock’n’Roll Schuah und fühlen uns als wären wir die Schickeria.

Das ist das Schöne an dieser Band, daß man einfach alle Textzeilen auch nach vielen Jahren noch drauf hat, und so ist die Stimmung super ausgelassen und wer da noch schlechte Laune hat, dem ist nicht mehr zu helfen.

Dass Lautstärke nicht alles ist zeigt sich daran, daß der Sound um Welten besser ist als bei Killcode. Auch hat sich das Gelände mittlerweile sehr gut gefüllt.

Während Wer Wird Denn Woana wird ein Keyboard-Solo eingeflochten, das für meinen Geschmack etwas zu lang ausfällt.

Gute Musiker wollen zeigen was sie können, das ist mir klar, aber die zu vielen und zu langen Soli hätte ich insgesamt nicht gebraucht. Mag sein, daß Günther Sigl vielleicht mal eine Pause braucht, aber wir hätten ihm den Gesangsjob während Skandal im Sperrbezirk sicher abgenommen, und die Rosi eine Weile hochleben lassen. So wurde der größte Hit zwar gespielt, aber nicht in der Weise zelebriert, wie ich das eigentlich erwartet hatte.

Die nächste Chance darauf habe ich, wenn ich die Spider Murphy Gang bei ihrem 40jährigen Jubiläum im Oktober in der Münchner Olympiahalle sehe. Da möcht‘ ich mindestens 5 Minuten die Rosi grölen! 🙂

(Setlist: Mir San A Bayrische Band, Rock’n’Roll Schuah, So A Nacht, Sommer in der Stadt, Schickeria, Wer Wird Denn Woana, Ich Schau Dich An, Wo Bist Du, Skandal im Sperrbezirk, So A Schöner Tag)


THUNDER

Thunder, die als nächstes auf dem Programm stehen, habe ich in diesem Jahr zwar schon einmal gesehen, aber es ist eben auch so eine Band, die immer geht. Es wäre eine Schande gewesen, wenn sie den Ruhestand tatsächlich, wie vor einigen Jahren angekündigt, umgesetzt hätten.

An der Band gibt es nichts zu motzen, in der Stimme von Danny Bowes liegt so viel Gefühl, an diesem Schmelz kann man sich nicht satthören. Luke Morley steht ihm an emotionalem Spiel in nichts nach, während Chris Childs am Bass den Teppich zu dem typischen Thunder Sound legt.

Trotzdem bin ich an dem Tag nicht ganz glücklich, und das liegt an der Setlist.

Es steht nicht viel Spielzeit zur Verfügung und da hätte ich doch erwartet, daß man Songs, die sonst zur Zugabe gespielt werden vorzieht, und sie nicht einfach runterfallen lässt, weil sie in der Reihenfolge der Sommersetlist 2017 ganz unten stehen.

Natürlich groovt ein Song wie Low Life In High Places gewaltig, aber insgesamt bekommen wir recht viel vom 2015 erschienenen Album „Wonder Days“ zu hören, aber wenig vom aktuellen Machwerk, das mir persönlich besser gefällt.

Daher war mir Serpentine als Schlusspunkt, ebenfalls von „Wonder Days“, auch nicht fett genug, und ich verlasse den Platz vor der Bühne zwar nicht wirklich enttäuscht, aber auch nicht mit der Glückseligkeit, die Thunder eigentlich zu wecken in der Lage sind.


KIM WILDE

Als sie auf die Bühne kommt sagt Kim Wilde, daß der Gott des Rock’n’Roll letztes Jahr wohl einen anderen Plan hatte. Wir sind froh, daß er es sich in diesem Jahr nochmal überlegt hat und so haben wir nun tatsächlich das Vergnügen von Kim Wilde in Seebronn.

1981 die blutjunge Senkrechtstarterin mit leicht punkigem Haarschnitt und trotzigem Mund, steht heute oben auf der Bühne eine tolle Frau mit richtig coolem Style, und das sage ich nicht, weil mir aufgefallen ist, daß ich die gleiche Halskette besitze. 😉

Heutzutage heimst sie zwar eher Auszeichnungen und Goldmedaillen ein für ihre schöne Gartengestaltung, aber obwohl sie eher dem Popmusik-Genre zugerechnet werden muss zeigt Kim Wilde, daß sie auch richtig rocken kann.

Los geht es mit dem Hit Chequered Love, gefolgt von Lights Down Low vom 2010er Album, und schon bald steht Anyplace, Anywhere, Anytime auf dem Programm, das Duett, das sie mit Nena aufgenommen hat, die so etwas wie ihr deutsches Pendant ist.

Daß sie kein Stimmwunder ist dürfte klar sein, ihre Stimme ist charakteristisch, aber nicht sehr kräftig, daher wird hier und da etwas Echo eingebaut und eine Background Sängerin sorgt für Unterstützung an manchen Stellen.

Geradezu schüchtern erzählt sie mit leiser Stimme, daß sie über ihren Vater zur Musik kam, der eine stattliche Gitarrensammlung besitzt und ihr sozusagen das Rock’n’Roll Gen vererbt hat.

Mein persönliches Highlight ist You Keep Me Hangin‘ On, und nicht nur Kim gibt auf der Bühne alles, sondern auch wir davor.

Das Publikum feiert jeden Song ab, das ist Partystimmung pur. Auch die Coversongs, die sie in die Setlist eingebaut hat passen sehr gut zu ihrer Stimme, wie z.B. Ready To Go, ursprünglich von Republica.

Den Höhepunkt und Abschluß bildet natürlich Kids In America, der Hit, den wohl jeder auf dem Gelände mitsingen kann. Kim, es war uns ein Fest!

(Setlist: Chequered Love, Lights Down Low, View From A Bridge, Anyplace, Anywhere, Anytime, Water on Glass, Stone, The Second Time, Get Out, King of the World, If I Can’t Have You, Never Trust a Stranger, Cambodia, Ready to Go, You Came, You Keep Me Hangin‘ On, You Spin Me Round, Kids in America)


GOTTHARD

Nachdem die Seebronner Regenwolke zunächst nur das Gelände umkreist hat, so wie wir das fast in jedem Jahr erleben, so hat sie sich bei Kim Wilde tatsächlich dazu entschlossen einige Tropfen abzusondern. Zum Glück war der Spuk wieder vorbei als Gotthard auf die Bühne gingen.

Zwar habe ich Gotthard mit Nic Maeder bereits einige Male gesehen, aber ich war gespannt wie sie sich schlagen würden beim Seebronner Festivalpublikum, zumal einer der letzten Auftritte mit Steve exakt am gleichen Tag vor 7 Jahren in Seebronn stattgefunden hat.

Natürlich wird Steve Lee unvergessen bleiben, aber Gotthard haben aus meiner Sicht alles richtig gemacht, und Nic Maeder ebenso. Auf bescheidene und sympathische Art, ohne Hoppla-jetzt-komm-ich-Attitüde hat er sich von Auftritt zu Auftritt gesteigert, Selbstbewusstsein entwickelt und steht jetzt da als ein Mann, der sicherlich seinen Vorgänger respektiert, aber sich aus seinem Schatten freigemacht hat.

Los geht es mit Silver River, einem Song vom aktuellen Album, auf dem es zum Glück auch wieder etwas härter zur Sache geht als beim Vorgänger. Unser stetiger Begleiter ist mal wieder das Bassbrummen, was selbst 50 Meter von der Bühne weg noch spürbar ist.

Die Setlist besteht fast zur Hälfte aus Material, das mit Nic Maeder aufgenommen wurde. Das ist im Grunde auch verständlich, aber dadurch fallen viele liebgewonnene Hits weg, und das ist bei Festivalpublikum, das in der Regel nicht aus die-hard Fans besteht immer etwas kritisch.

Andererseits weiß genau dieses Publikum Songs wie Hush und Mountain Mama zu schätzen, an denen ich mich schon etwas sattgehört habe.

Im Grunde sollte eine Gotthard Show heutzutage 3 Stunden dauern, um die verschiedenen Ären abzudecken, und jeder Scheibe gerecht zu werden.

Erstaunlicherweise stelle ich fest, daß aber zumindest bei mir die Stücke aus der Ära Maeder schon so im Gedächtnis sind, daß ich mich nahtlos von Song zu Song schwoofe.

Die Tanzeinlage bei Miss Me mit der Dame aus dem Publikum gestaltet sich aber, genau wie in Balingen vor einigen Monaten, wieder eher zu einem unstrukturierten Geschiebe, bei dem nicht ganz klar ist, ob nun Nic den Tanzunterricht geschwänzt hat oder seine Partnerin. Ich habe da aber so einen Verdacht 😉

In jedem Fall sind Gotthard auch in 2017 wieder eine sichere Bank für eine super gute Zeit, und mit Rudeltanzen zu Top Of The World geht das ROCK OF AGES zu Ende.

(Setlist: Silver River, Electrified, Hush, Stay With Me, Mountain Mama, Sister Moon, What You Get, One Life, One Soul, Angel, Heaven, Miss Me, Firedance, Starlight, Top Of The World)


Zumindest offiziell, denn was wäre ein BANG YOUR HEAD oder ROCK OF AGES ohne Feuerwerk und „We’re Not Gonna Take It“? Die inoffizielle Hymne muss natürlich noch geschmettert werden, aber selbst danach ist noch nicht Schluss und ich muss lachen, als tatsächlich Killcode nochmals auf die Bühne kommen und ihr Song „The Wrong Side“ vom Band läuft.

Auch in seiner 12. Auflage war das ROCK OF AGES Festival wieder eine Wucht! Eine teilweise ungewöhnliche Mischung aus verschiedenen Musikstilen, die aber trotzdem zusammen funktionieren. Wo sonst bekommt man Albert Hammond, Pretty Maids und Kim Wilde zusammen präsentiert?

Die Stimmung ist ausgelassen und trotzdem völlig friedlich, alles ist so herrlich entspannt, so daß diese drei Tage wirklich Balsam für die Seele sind. Ich freue mich jetzt schon sehr auf das nächste Jahr, vielleicht dann ohne dröhnenden Bass. 😉


Bericht: Gunda Markert