Konzert, Roxxy's Blog

ROCK OF AGES 2017 – Tag 1


Nur zwei Wochen nach dem BANG YOUR HEAD zieht es unseren kleinen „Wanderzirkus“ weiter in den benachbarten Landkreis nach Seebronn zum ROCK OF AGES Festival. In das beschauliche Dörfchen, in dem es zwar nur einen (nicht funktionierenden) Geldautomaten gibt, aber dafür jede Menge Rock’n’Roll!

Nach einem Kälteeinbruch waren wir im wahrsten Sinne des Wortes am bibbern und hoffen, daß das Wetter es sich bis zum Festivalbeginn noch überlegt. Und siehe da, pünktlich Freitag Nachmittag kam die Sonne zurück und ließ die noch recht feuchten Wege und die Wiese schnell abtrocknen.


EDEN’S CURSE

So richten wir uns auf dem geilsten Acker der Welt gemütlich ein und haben gerade noch Zeit das erste Getränk einzuwerfen, als es auf der Bühne auch schon losgeht mit Eden’s Curse und dem Opener Masquerade Ball.

Die Wurzeln der international besetzten Band liegen in Schottland, dem Heimatland von Basser und Gründer Paul Logue, vom amerikanischen Mitbegründer Michael Eden ist bei Eden’s Curse nur noch der Name geblieben, was hoffentlich nicht als Fluch betrachtet wird.

Mit Blick auf den Drummer kann man fast meinen ein etwas blasser Joey Belladonna hat die Position gewechselt, tatsächlich ist es aber John Clelland, der in die Felle haut.

Es sind zu dieser frühen Zeit noch nicht sehr viele Besucher anwesend, aber vielleicht hätten sich noch einige mehr vor der Bühne eingefunden, wenn der Sound besser gewesen wäre. Leider ist es direkt vor der Bühne nicht zum Aushalten, und ich trete sofort den Rückzug an. Zwanzig Meter weiter hinten war es erträglich, aber immer noch scheppernd, und von gut weit entfernt.

Schade, denn mit dem Serben Nikola Mijić ist ein stimmgewaltiger Sänger an Bord, der Background-Gesang ist rundum harmonisch, und auch die härteren Stücke ruhen auf einem Teppich aus Keyboardklängen, nehmen den Songs dadurch die Schärfe und so kommt das Ganze sehr melodisch daher.


HELLO

Als nächste stehen Hello auf dem Programm, die offenbar vielen Zuschauern unbekannt waren. Ist allerdings auch nicht verwunderlich, da ihre Karriere ihren Höhepunkt in den frühen Siebzigern hatte, und trotz mehrerer Hits könnte man sie auch in die Schublade der One Hit Wonder stecken.

Das tut der Stimmung aber keinen Abbruch, denn gleich beim Einstieg mit Can The Can geht es rockig zur Sache.

Sänger Bob Bradbury, der die Band im zarten Alter von 16 Jahren gründete, ist das einzig verbliebene Mitglied der Urversion und seine Verbundenheit mit Punk sieht man ihm am Augenmakeup und der Frisur an, mit der er mich direkt an Johnny Rotten erinnert.

Heute ist Hello so etwas wie ein Familienunternehmen, denn mit Jake Bradbury sitzt der Sohnemann am Schlagzeug und Lebensgefährtin Corrie Shiells bedient den Bass, und holt bei Backseat Talking auch das Saxophon raus.

Der Sound ist etwas besser als bei Eden’s Curse, aber immer noch etwas matschig und die Stimme des Sängers ist zu leise zu hören, und das nicht, um etwaige schiefe Töne zu überdecken, denn es gibt keine.

Mein Lieblingssong Love Stealer wird mit einem etwas längeren Intro angekündigt und hält von der Präsentation her das, was ich mir davon versprochen habe.

Hello streuen zwischen ihre eigenen Songs immer wieder Coversongs ein von Helden wie Marc Bolan, und in Joan Jett’s I love Rock’n’Roll sind auch ein paar Schnipsel von We Will Rock You versteckt.

Jubel kommt auf, als die Mundharmonika erklingt und schon nach wenigen Tönen klar ist was kommen wird. New York Groove, der grösste Hit von Hello und vielen auch durch Ace Frehley bekannt. Tatsächlich komponiert hat das Stück kein Geringerer als der Entdecker von Hello, nämlich Russ Ballard, der viele Hits auf sich verbuchen kann, die er für andere geschrieben hat.

Persönlich bin ich von New York Groove allerdings etwas enttäuscht, ausgerechnet dieser Song kommt in meinen Augen etwas kraftlos rüber, da hätte mehr kommen können. Das Publikum scheint nicht meiner Meinung zu sein, denn es wird überall wo man hinsieht getanzt.

Ein kurzes Gitarren- und Drum-Solo geht über in Let’s Spend The Night Together und was dann anmutet wie eine lockere Jam-Session mit einer punkig angehauchten Version von School’s Out macht so richtig gute Laune. Insgesamt ein Auftritt, der die richtige Basis für den Partyfreitag legt.


ALBERT HAMMOND

Mein persönliches Highlight des Wochenendes folgt gleich als Nächstes mit Albert Hammond, den ich leider bislang noch nie live gesehen hatte.

Vielleicht vom Härtegrad etwas aus dem Rahmen fallend ist die Stimmung trotzdem bestens, denn dieser Mann hat so viele Perlen geschrieben, nicht nur für sich selbst, sondern vielfach auch für andere Künstler, was er mit dem eingangs bereits erwähnten Russ Ballard gemein hat.

In Seebronn ist der Meister höchstpersönlich da, und macht auch gar nicht lang rum. 73 stolze Lenze ist er alt, steht da in knackig-engen Jeans, kein Gramm Fett zuviel am Körper, wirkt dabei aber nicht ausgemergelt, die weisse Basecap verkehrt herum auf dem Kopf, und spielt ohne viel zu quatschen einfach Hit an Hit.

Das geht los mit dem von Joe Cocker bekannten Don’t You Love Me Anymore, und auch beim Chicago Hit I Don’t Wanna Live Without Your Love wird viel geliebt und gelitten.

Während Down By The River kommt das Publikum richtig in Fahrt und die Chöre wollen gar nicht mehr aufhören. Zu I Don’t Wanna Lose You folgt die nächste Schmuserunde und obwohl nur Albert Hammond singt klingt im Kopf Tina Turners rauchige Stimme im Duett dazu.

Das Set geht schon fast dem Ende zu als er zum ersten Mal den Laufsteg nutzt und die im Grunde einzige Ansage macht für einen Song, mit dem einer seiner Freunde einen großen Hit hatte. Mein Grinsen wird noch etwas breiter, denn daß ich jemals eine meiner Alltime Favorite Balladen When I Need You live hören würde, hatte ich fast nicht mehr zu glauben gewagt.

Natürlich kommt auch noch das Lied vom Wetterbericht, denn spätestens seit Albert Hammond wissen wir alle, daß es in Southern California nie regnet und nach Free Electric Band ist dann leider schon Schluß. Auch wenn es Meinungen gibt, denen es zu soft war, ich fand es einfach nur großartig, schön gespielt und gesungen, sympathisch und mit sehr viel Ausstrahlung und Seele präsentiert.

(Setlist: Don’t You Love Me Anymore, I Don’t Wanna Live Without Your Love, Smokey Factory Blues, The Day The British Army Lost The War, These Are The Good Old Days, The Peacemaker, Down By The River, I Don’t Wanna Lose You, Nothing’s Gonna Stop Us Now, I’m A Train, When I Need You, It Never Rains in Southern California, The Free Electric Band)


SUBWAY TO SALLY

Während Subway to Sally ziehe ich mich etwas zurück und überlasse den echten Fans meinen Platz vor der Bühne. Auch wenn die Musik abwechslungsreicher ist als von vergleichbaren Bands dieses Genres, so ist Leiermusik einfach nicht mein Ding.

Optisch ist natürlich eine Menge los auf der Bühne, die Nachfolgerin von Frau Schmitt zieht nicht nur mit ihrer Mähne, mit der sie fast den Bühnenboden fegen könnte, die Blicke auf sich, auch ihre e-Geige ist spannend designed. Die Kostüme sehen durchweg sehr schön und wertig aus, das ist alles super stimmig und herrlich anzuschauen.

Wie ein roter Faden zieht sich allerdings auch hier wieder ein Soundproblem durch das Set. In dem Klangbrei ist Eric Fish nicht sehr gut zu hören, was doppelt schade ist bei einer Band wie Subway to Sally, deren Besonderheit neben der Musik auch die Geschichten in ihren Texten ist.

Als Eric Fish ein Duett ankündigt und danach Michael Sadler von Saga die Bühne betritt, und gemeinsam Maria gesungen wird, ist der Jubel natürlich groß. Es ist schön, dass sich ab und zu die Möglichkeit bietet so etwas Besonderes zu erleben, und das spontan, ohne lange Planung, einfach mit einem Textblatt in Lautschrift. So macht Musik Spaß!

(Setlist, unvollständig und in falscher Reihenfolge: Eisblumen, Henkersbraut, Maria, Arme Ellen Schmitt, Böses Erwachen, Falscher Heiland, Grausame Schwester, Kleid Aus Rosen, Sieben, Tanz auf dem Vulkan, Unsterblich, Veitstanz)


DEE SNIDER

Das Finale am Freitag bestreitet ein alter Bekannter, nämlich Dee Snider, der uns direkt zur Begrüßung mitteilt, dass wir doch nicht wirklich geglaubt haben, dass er nach Twisted Sister aufhört? Nein, haben wir tatsächlich nicht. Denn dieser Mann ist unkaputtbar und fällt offenbar von einem Jungbrunnen in den anderen. Rote Hose, Pornobrille, die blonden Locken zurückgebunden und ein Body wie gedrechselt, geht es cooler eigentlich kaum noch.

Mir ist er an mancher Stelle offen gestanden etwas zu cool, da schlägt die Coolness für mein Empfinden schon leicht ins Überhebliche um.

Nach der anfänglichen Empörung über den Vince Neil Gig nur zwei Wochen vorher in Balingen, so könnte es sein, daß sich dieser Auftritt langfristig zum Running Gag entwickelt. Und so meint Dee Snider auch nach 3 Songs lachend, er würde jetzt mal gehen und seine Band ein paar Coversongs spielen lassen.

Er bleibt zwar auf der Bühne, aber wer mitzählt wird feststellen, daß er selbst auch genug Coversongs im Programm hat.

Ganz klar ist er trotzdem ein phantastischer Frontmann, der die Menge zur Begeisterung bringt, und genau weiß wie er seine Setlist aufzubauen hat, damit die Spannungskurve an den richtigen Stellen steigt und fällt.

Seine Band ist auch nicht von schlechten Eltern. Auch wenn Dee natürlich im Vordergrund steht passt die Band sehr gut zusammen und ist sicher mit Kalkül zusammengestellt.

Jason Sutter ist nicht nur Gitarrist, der sich die Frisur bei Keith Flint von The Prodigy ausgeliehen hat, sondern auch Produzent des aktuellen Albums. Damen am Bass haben offenbar Hochkonjunktur, denn die Irin Tanya O’Callaghan zupft souverän mit ihren coolen Dreadlocks den Bass, und so richtig neidisch bin ich auf Schlagzeuger Jason Sutter, der darf als Nächstes nämlich bei Cher die Trommel rühren. Der Sound ist insgesamt zwar besser als bei einigen anderen Acts des Tages, aber Bassgebrumme macht sich leider auch beim Headliner bemerkbar.

Den Start im Set macht mit We Are The Ones ein Song des 2016 veröffentlichen Solo-Machwerks, gefolgt vom Twister Sister Hit The Kids Are Back.

Den Höhepunkt bildet ganz klar die Präsentation von We’re Not Gonna Take It, das mit einem Akustikpart beginnt und danach mit Wucht losgeht, und jeder im Publikum, so gut er kann, seinen Widerstand gegen die herausschreit, die uns unsere Welt, so wir sie kennen, wegnehmen wollen.

Im Anschluß ein weiteres Stück der letzten CD, das aus der Konserve zwar schon gut und eingängig klingt, aber wenig bissig ist. Laut Dee der ideale Song, um mit jemandem Schluss zu machen, dem man nichts Gutes wünscht, zeigt Crazy For Nothing in der Live-Version dann erst richtig seine Reißzähne.

Mit The Price kommt sentimentale Stimmung auf, denn es ist all den Rockgöttern gewidmet, die leider nicht mehr unter uns weilen. Die Stimme kippt bei den Höhen teilweise etwas, aber generell hat Dee Snider immer noch eine Power in der Stimme, bei der sich viele Mittzwanziger Hühnerbrüstchen einige Scheiben abschneiden können.

Den Schlusspunkt mit dem lyrischen Mittelfinger in der Luft bildet So What, und nach dieser Vollbedienung verabschieden wir uns in die Nacht, auch wenn das Adrenalin noch keine Ruhe geben will.

Wer Dee Snider an dem Abend erlebt hat der wird sicher auch zu der Überzeugung gelangt sein, daß wir ihn nicht das letzte Mal live erlebt haben, denn diese Energie im Schaukelstuhl verpuffen zu lassen wäre Verschwendung.

(Setlist: We Are The Ones, The Kids Are Back, Close To You, Like A Hole, Rule The World, My Own Worst Enemy, We’re Not Gonna Take It, Crazy For Nothing, The Price, Inconclusion, Outshined, I Wanna Rock, So What)


Bericht: Gunda Markert