Konzert, Roxxy's Blog

BANG YOUR HEAD!!! 2017 – Tag 2

Der frühe Vogel fängt den Wurm ist eigentlich nicht so wirklich mein Lebensmotto, aber manchmal lohnt sich frühes Aufstehen doch, und so war es auch am zweiten Tag des BANG YOUR HEAD!!!

Wo ich am Tag 1 gefühlt häufig einen Dudelsack im Ohr hatte, obwohl gar keiner auf der Bühne war, so ist schon beim Blick auf die Running Order klar, dass am Freitag ein anderer Sound angesagt sein wird.


DEAD LORD

Den ersten Eindruck davon geben Dead Lord mit ihrem groovigen Retro-Rock, der sofort zu permanent leichtem Kopfnicken einlädt. Auch wenn sie den Vergleich leid sind, so erinnert nicht nur die Stimme von Hakim Krim an Phil Lynott, auch der Sound klingt wie aus einer Zeit als der Rock zwar nicht mehr in den Kinderschuhen, so aber doch noch in der Pubertät steckte.

Durch die wuscheligen Mähnen und zugewachsenen Gesichter lässt sich das Alter der Herren schlecht schätzen, aber diese Zeit dürften maximal ihre Cowboystiefel noch selbst miterlebt haben. Die sympathische Band lässt die Windmühlen an den Gitarren kreisen und mit lässiger Attitüde, wird der Rock der guten, alten Zeit zelebriert. Mit Sicherheit wird man in den nächsten Jahren noch mehr von Dead Lord sehen und hören!Leider regnet es während des Auftritts kräftig, was glücklicherweise die anwesenden Besucher nicht davon abhalten kann ihre Köpfe und Fäuste zu schütteln.

Roxxymeter: 5 Roxxys in den Kategorien Spielfreude, Outfit (oldschool rult gewaltig) und Sympathie.


BULLET

Nach der ersten Band aus Schweden kommt mit Bullet auch der nächste Act an diesem Tag aus dem Land in dem man nur an einem Baum schütteln muss, und schon kommt ein Musiker heruntergefallen.

Obwohl Bullet eine alles andere als schlechte Band ist werde ich nicht so richtig warm mit ihnen. Möglicherweise liegt es an der Stimme von Hell Hofer, die wie eine Mischung aus Udo Dirkschneider und Brian Johnson klingt, vielleicht fehlt mir auch insgesamt der rote Faden. Die Herren an den Instrumenten ziehen das old-school Metal Konzept mit Jeans, T-Shirt und Lederfransenjacke konsequent durch, während der Sänger mit seinen wechselnden Samtcapes dazwischensteht, als hätte er sich von einem Mittelaltermarkt verlaufen.

Dazu kommt, dass einige lange Intros mit menschenleerer Bühne die Spannung nicht erhöhen, sondern eher abflachen lassen. Der Gag mit dem „Jack in the box“ (oder was auch immer das war) war sicher gut gemeint, aber schon 20 Meter weiter hinten hat das sicher niemand mehr gesehen. Bei den Mitsingspielchen ist außerdem deutlich aufgefallen, daß Hell Hofer zwar markant schreien kann, aber wirkliches singen nicht zu seinen Kernkompetenzen zählt.

Zum Glück war da noch Alexander Lyrbo, der uns Mädels mit einem hinter dem Kopf gespielten Gitarrensolo verwöhnte und uns dabei einen Blick auf seinen nett anzusehenden T-shirt-losen Oberkörper (hehe…) gewährte.

Roxxymeter: 3 Roxxys für diesen Auftritt – Punktabzug gibt es vor allem im Bereich Outfit, der Mittelaltermarkt passt einfach nicht zum Rest der Band:-)


STEVE GRIMMETT’S GRIM REAPER

Auf die nächste Band dürften ziemlich viele gespannt gewesen sein, denn als Steve Grimmett’s Grim Reaper für das BANG YOUR HEAD!!! 2017 angekündigt wurde, wusste noch keiner, dass dieser Auftritt eine Weile mit einem Fragezeichen versehen sein würde.

Anfang des Jahres musste Steve Grimmett aufgrund einer schweren Infektion das rechte Bein kurzfristig amputiert werden. Als er letztlich mit dem Rollstuhl auf die Bühne gefahren wurde und sich dann mit Hilfe von Krücken daraus erhob hatte ich bei seinem Anblick zunächst gemischte Gefühle.

Würde sich jemand, der so eine Operation hinter sich hat nicht lieber schonen, anstatt sich den Strapazen eines Auftritts zu unterziehen? Ist das aber möglicherweise gar nicht drin, weil die Brötchen verdient werden müssen? Das mag zwar durchaus auch ein Argument sein, jedoch wirkte es auf mich eher, als wenn die Bühne, die Anerkennung, der Applaus des Publikums für Steve Grimmett der Antrieb ist seinen Schicksalsschlag zu bewältigen.

Ein Kämpfer, der es sich nicht nehmen lässt mit Krücken die Treppen hinunter zum Bühnenrand zu gehen, um den Fans noch näher zu sein. Das Grinsen stand ihm permanent im Gesicht und obwohl das sicher alles andere als ein einfacher Spaziergang war, war er mit Spaß und Leidenschaft bei der Sache.

Steve Grimmett’s Grim Reaper

Aber in erster Linie ist Steve Grimmett das „Überbleibsel“ von der Band Grim Reaper, bei der er zwar nicht Gründungsmitglied war, aber nichtsdestotrotz die längste Zeit als Sänger beschäftigt war. Das könnte natürlich zu einer Debatte führen inwieweit es sich hier um eine Coverband handelt, aber solche Diskussionen sind bei Bands, die seit über 30 Jahren im Geschäft sind einfach müßig. Anstatt zu lamentieren erfreue ich mich lieber daran, dass überhaupt noch jemand die Fahne hochhält.

Steve Grimmett singt mit einer solchen Inbrunst daß es eine Freude ist zuzuhören und auch der Rest der Band gibt ordentlich Gas. Allen voran Drummer Paul White, der zwar im Hintergrund sitzt, aber durch seine Energie hervorsticht.

Bei der Setlist setzt man nicht nur auf Klassiker, sondern lässt auch der in 2016 erschienenen Scheibe Walking In the Shadows einiges an Raum.

Einzig unverständlich war mir das Dio Cover Don’t Talk To Strangers. Auch wenn Steve Grimmett eine nach wie vor gute Stimme hat, so ist ein Ronnie James Dio nicht zu ersetzen. Zumal wenn genug eigenes Material vorhanden wäre und die Spielzeit auf 55 Minuten begrenzt ist.

Roxxymeter: 5 Roxxys in den Kategorien Sympathie, Stimmung und Spielfreude. Eigentlich wären 6 Roxxys für diesen Auftritt fällig gewesen, aber weil ich permanent Angst hatte, dass ihm seine Hose ganz runter rutscht, gibt es eine Roxxy weniger:-)

(Setlist: Wings Of Angels, Rock You To Hell, Night Of The Vampire, Lust For Freedom, Walking In The Shadows, Fear No Evil, Temptation, Rock Me ‚till I Die, Don’t Talk To Strangers, See You In Hell)


LEE AARON

Dass Lee Aaron eine coole Metal Queen ist können natürlich auch Rock Chicks neidlos anerkennen, deswegen war die Vorfreude auf ihren Auftritt sehr groß. Sie wird sicher ihre Gründe gehabt haben, aber warum die Dame über viele Jahre dem Rock den Rücken zugedreht hat, um sich stattdessen Jazz zu widmen, werde ich wohl nie verstehen. Gut für uns, daß sie sich zwischenzeitlich anders besonnen hat.

Zwar nicht in roter Hose, aber mit silberner Lederjacke, die uns sofort in Begeisterung versetzt, kommt sie auf die Bühne gestürmt und legt mit Hot To Be Rocked los.

Lee Aaron

Die Setlist ist durchmischt mit einigen Werken des in 2016 erschienen Albums Fire And Gasoline, die live rockiger rüberkommen als auf CD. Trotzdem hoffe ich, dass die angekündigte neue CD etwas härter ausfällt. Das in Balingen gespielte neue Stück Diamond Baby geht allerdings auch eher in Richtung Blues-Rock, jedoch mit einer unglaublichen Ausstrahlung und Kraft in der Stimme vorgetragen. Vor dem Hintergrund, dass es sich hier, im Gegensatz zu anderen im Billing, um eine Sängerin handelt, deren Stimmgewalt sich beim Singen besser entfaltet als beim Schreien, ist sie bei den langsameren Stücken vielleicht sogar im für sie richtigeren Fahrwasser.

Ich will nicht vorgreifen, aber was Rose Tattoo die Boys und die Brothers sind, das sind Lee Aaron die Ladies, die Women, die Babies und Queens. Der nächste neue Song I’m A Woman lädt geradezu ein sich langsam, hüftkreisend, die Bluse aufzuknöpfen, und diese dann einem aufregenden Cowboy einladend um den Hals zu legen.

Genug des Kopfkinos, zurück auf die Bühne, wo Lee Aaron mit Goldlöckchen Sean Kelly an der Gitarre schäkert, ihr Ehemann John Cody grinsend am Schlagzeug sitzt, und sie das Publikum nicht nur mit Anekdoten unterhält, sondern auch feststellt, dass ein Herr im Publikum eine größere Körbchengröße hat als sie. Wir sind nicht nur alle eine Familie, sondern auch im Kopf noch alle 25, und als sie auf der Bühne kniend mit Barely Holding On die Emotionskeule rausholt,da kullern mir vor Rührung ein paar Tränen.

Lee Aaron

Das Finale bildet natürlich die Hymne Metal Queen und als die Band nach ihrem Abschied von der Bühne geht bin ich noch völlig hin und weg.

Roxxymeter: Es führt kein Weg dran vorbei, die „Metal Queen“ bekommt 6 Roxxys in allen Kategorien (Stage-Acting, Outfit, Sympathie, Stimmung und Spielfreude).

(Setlist: Hot To Be Rocked, Hands On, Tom Boy, Fire And Gasoline , Powerline / Lady Of The Darkest Night, I’m A woman, Diamond Baby, Whatcha Do To My Body, Barely Holdin‘ On, Metal Queen)


RIOT V

Anders als noch 2014 konnten mich Riot V in diesem Jahr nicht zu Begeisterungsstürmen hinreissen. Wobei das durchaus meiner Tagesform geschuldet sein kann, denn nach Lee Aaron war ich noch nicht wirklich wieder aufnahmefähig. An der Band kann es jedenfalls nicht gelegen haben, denn die enterte ganz entspannt die Bühne, prostete dem Publikum zu und rockte sich solide durch ihr Set.

Riot V

Auch der „Eierkneifer-Gesang“ von Todd Michael Hall kam punktgenau. Nichtsdestotrotz wirkte er auf mich etwas zurückhaltend, hielt sich häufig im Hintergrund vor den Drums auf und sparte mit großen Gesten. Böse Zungen könnten jetzt sagen, dass mir vielleicht gefehlt hat, daß das ewig wie 25 aussehende Schnuckelchen nicht, wie sonst üblich, sein Hemd ausgezogen hat, aber so oberflächlich wollen wir ja nicht sein 😉

Roxxymeter:  3 gut gemeinte Roxxys, hätte sich Todd-Schnuckelchen oben rum nackig gemacht, wäre das Roxxymeter hoch geschossen.


MAGNUM

Das Wetter an diesem Freitag war gar nicht so schlecht wie vorhergesagt, aber als Magnum ihren Auftritt begannen verdüsterte sich der Himmel und später gab es leider auch einen Regenguss, der etliche Zuschauer ins Trockene flüchten ließ.

Zuletzt hatte ich sie 2016 beim Rock Of Ages gesehen und leider muß man sagen, dass der Zahn der Zeit langsam zu nagen beginnt. Was allerdings auch keineswegs eine Schande ist, wenn man bedenkt wie lange zumindest die Stützpfeiler Bob Catley und Tony Clarkin schon mit Magnum auf der Bühne stehen. Al Barrow am Bass kann zwar auch als langjähriges Bandmitglied bezeichnet werden, ist aber im Gegensatz zu Bob und Tony, die in diesem Jahr ihre siebzigsten Geburtstage feiern werden, noch ein Küken.

Magnum

Die Durchgängigkeit mit der immer wieder neues Material hervorgebracht wird ist bemerkenswert und mit dem letzten Machwerk hat Tony Clarkin erneut seine Fähigkeiten als Songschreiber unter Beweis gestellt.

Aus dieser Scheibe wurden die Titel Sacred Blood “Divine” Lies und Crazy Old Mothers ins Programm eingeflochten, den Start mit wuchtigem Sound machte Soldier Of The Line.

Den meisten Beifall erhalten natürlich die Klassiker, allen voran On A Storytellers Night.

Auch wenn Bob mittlerweile nicht mehr die Großraumflugzeuge einwinkt, sondern sich auf kleinere Gesten beschränkt, die Stimme rauer klingt, und sich auch der ein oder andere schiefe Ton einschleicht, so haben diese Songs ihre Faszination auch nach vielen Jahren noch nicht verloren.

Magnum

Als typische Frau muss ich allerdings anmerken, dass ich das gepunktete Hemd von Bob jetzt oft genug gesehen habe, bei diversen Avantasia Gigs und auch bei Rock Meets Classic.

Roxxymeter: 4 Roxxys für diesen soliden Auftritt.

(Setlist: Soldier Of the Line, Sacred Blood “Divine” Lies, Crazy Old Mothers, On A Storyteller’s Night, How Far Jerusalem, Unwritten Sacrifice, Les Morts Dansant, All England’s Eyes, Vigilante)


KROKUS

Eine nicht ganz so weite Anreise wie die Kollegen von Magnum haben Krokus aus der Schweiz. Seit einigen Jahren ist etwas Konstanz bei der Besetzung eingekehrt, und mit Marc Storace, Fernando van Arb und Chris von Rohr sind zumindest teilweise wieder die Mitglieder dabei, die Anfang der 80er für einige der größten Hits der Band gesorgt haben.

Krokus

Somit ist auch klar, dass sich die Setlist überwiegend aus diesem Material bedient, was aber durchaus kein Fehler ist. Obwohl keiner der Musiker noch als Jungspund durchgeht kann von mangelnder Agilität nicht die Rede sein, die Show ist energiegeladen wie eh und je, musikalisch ist alles wie aus einem Guss. Für leichtes Amüsement sorgte bei uns der „Männerdutt“ von Mandy Meyer. Sind wir jetzt im Metal auch schon so weit?

Krokus

Mein persönliches Highlight eines jeden Krokus Sets ist Screaming In The Night, das nur ein Marc Storace mit so viel Gefühl rüberbringen kann.

Das Backdrop greift das Plattencover des zuletzt erschienenen Albums auf, das durchweg Coversongs enthält. Schon immer haben Krokus Stücke anderer Künstler gecovered, und mit American Woman ein Werk veröffentlicht, das mittlerweile vermutlich mehr mit Krokus in Verbindung gebracht wird als mit dem Originalinterpreten.

Mir persönlich sind drei Coversongs trotzdem etwas zuviel, zumal ich Mighty Quinn als Coverstück mit Gotthard in Verbindung bringe. Die Schweiz als Land ist für mein Dafürhalten zu klein, als dass zwei Bands aus dem gleichen Genre den gleichen Song covern könnten, ohne direkt in Konkurrenz zu treten.

Roxxymeter: Uh, das ist schwer, gibt der Männerdutt nun Punktabzug? Eigentlich könnte ich auch noch bemängeln, dass sie seit Jahren quasi die selbe Setlist am Start haben. Liegt eventuell daran, dass ich Krokus eigentlich nur noch auf Festivals sehe und ein Festivalgig ist nun mal anders und muss definitiv die Klassiker bedienen. Einigen wir uns auf 4 Roxxys.

(Setlist: Long Stick Goes Boom, American Woman, Rock ’n‘ Roll Tonight, Hellraiser, Screaming In The Night, Bedside Radio, Rockin‘ In the Free World, Fire, Heatstrokes, Easy Rocker, Headhunter, Quinn The Eskimo (The Mighty Quinn))


ROSE TATTOO

Als nächstes steht eine Band auf dem Programm, die für viele der eigentliche Headliner an diesem Tag ist. Rose Tattoo nehmen den weiten Weg aus Australien auf sich für diese eine Show in Balingen. Der Weg dürfte sich für sie auf jeden Fall gelohnt haben, denn sie wurden gefeiert, wie kaum eine andere Band an diesem Wochenende.

Die Karriere von Rose Tattoo umfasst, wie bei so vielen anderen auch beim BANG YOUR HEAD!!!, mehrere Jahrzehnte und warum es AC/DC in die vordere Reihe geschafft haben und sie nicht, wissen die Götter. Musikalisch geht es eingängiger zu als es der Name und die Optik der Band vielleicht vermuten lässt. Zugegebenermaßen war das der Grund, warum ich nie Zugang zu Rose Tattoo fand, denn durch die Rock Chicks Brille betrachtet wurde der Hottie-Faktor nicht genug bedient.

Rose Tattoo

Textlich geht es fast in jedem Stück der Marke Dirt’n’Roll wie ihn Rose Tattoo spielen, um die Boys, die Brothers, die Underdogs, die sich im Leben benachteiligt fühlen. Das war einfach nicht meine Welt. Ist es im Grunde auch heute noch nicht, aber zwischenzeitlich wirkt Angry Anderson längst nicht mehr so bedrohlich wie noch vor 30 Jahren, sondern eher wie ein netter, älterer Herr. Mit Basser Dario Bortolin und dem erst in diesem Jahr hinzugekommenen Gitarristen Joel McDonald haben die Aussies zudem nun auch Hotties an Bord, die etwas für’s Auge bieten.

Die einzelnen Songs wirken etwas langsamer gespielt als noch 2001 bei ihrem letzten Besuch in Balingen, aber dass auch nette, ältere Herren nicht zwanghaft mit dem Rock’n’Roll aufhören müssen stellt der einzig Verbliebene der Fast-Urbesetzung eindrucksvoll unter Beweis, wenn er immer wieder mit geschlossenen Augen auf der Bühne steht, und sichtlich Spaß hat die feiernde Menge zu unterhalten.

Das gilt auch für den Rest seiner Mannschaft, und so haben Rose Tattoo die an sie gestellten Erwartungen in Bezug auf eine Rock’n’Roll Party für Bad Boys mit Eiern aus Stahl erfüllt.

Roxxymeter: Für Dirt’n’Roll mit Eiern aus Stahl gibt es unbedingt 5 Roxxys.

(Setlist: Out Of This Place, Assault & Battery, Tramp, Who’s Got The Cash, Juice On The Loose, Rock ’n‘ Roll Outlaw, The Butcher And Fast Eddy, One Of The Boys, Bad Boy For Love, Rock ’n‘ Roll Is King, Branded, Scarred For Life, We Can’t Be Beaten, Black Eyed Bruiser, Nice Boys)


VINCE NEIL

Dass das mit den Erwartungen so eine Sache ist haben wir ja bereits festgestellt. Und so hatte zumindest ich an den Headliner am Freitag Abend gar keine Erwartungen.

Schon die Ankündigung von Vince Neil im letzten Jahr hat mir nur einen Seufzer entlockt. Als die-hard Mötley Crüe Fan und bekennender Sixxaholic hatte ich immer davon gesprochen auf Knien nach Balingen zu rutschen, wenn sie dort spielen würden. Nachdem klar war, dass daraus nichts mehr wird hätte ich auf die Mötley Crüe Light Version gerne verzichtet.

Denn eines ist klar, auch wenn Vince die Stimme von Mötley Crüe ist und diese natürlich ein charakteristisches Merkmal der Songs, so war er im Grunde schon immer der Schwachpunkt der Band. Das ließ sich früher übertünchen mit seiner Optik, später leisteten Tänzerinnen, viele Pyros und andere Show-Effekte gute Ablenkungsarbeit, aber ohne dieses Drumherum bleibt nur eine Stimme, die häufig klingt wie eine zu voll beladene Schubkarre mit verrosteter Achse.

So stand ich denn auch an diesem BANG YOUR HEAD!!! Freitag 2017 an dem Platz, an dem ich bei fast jedem meiner Mötley Crüe Konzerte wie festgenagelt stand, nämlich links in der ersten Reihe, und war den Tränen nah, als die Show losging. DAS habe ich nie sehen wollen! Wie ein Hund ohne Schwanz fühlte ich mich beim Blick vor mir auf die Bühne, wo für mich Nikki Sixx hingehört und nicht Dana Strum. Nichts gegen Dana Strum, aber das war wie ein Suchbild mit zu vielen Fehlern.

Trotzdem musste ich zugeben, dass mich der Opener Dr. Feelgood positiv überraschte. Mein persönlicher Mötley Crüe Tiefpunkt war 2015 beim Schweden-Rock, wo vom Chorus nur noch „Feelgood – Alright – Frankenstein“ übrig blieb, der Text dazwischen musste auf dem Flug über den Teich irgendwo verlorengegangen sein. Im Gegensatz hierzu hatte Vince in Balingen sehr viele Worte im Gepäck, und auch seine Stimme hatte ich schon schlechter erlebt.

Vince Neil

Optisch ist der Lack ab, das lässt sich nur schwer schönreden. Aber da Kleider bekanntlich Leute machen hätte ein rockstarmäßiges Outfit die äussere Erscheinung durchaus optimieren können. Doch bei Mötley Crüe noch mit aufwändigen Lederklamotten ausgestattet, tut es für Solo-Vince auch das schlichte schwarze T-Shirt und die schwarze rundum-sorglos Schlabberhose. Es liegt der Verdacht nah, dass es sich um eine Sammelbestellung mit Dana Strum handelt, dessen Hemd zwar wieder einen großen Daumen nach oben bekommt, aber bei der Hose war der Name immer noch nicht Programm.

Die Slaughter Jungs als Begleitband waren sogar noch agiler als am Vortag mit Slaughter, und das Pensum was sie beim Lauf über die Bühne hinlegten, versuchte Zoltan Chaney im Hintergrund am Schlagzeug noch zu toppen. So gelang es mir dann auch beim zweiten Song den Schalter umzulegen, mit dem festen Willen mir die Stücke meiner Lieblingsband nicht durch die falsche Einstellung selbst zu vermiesen.

Vince Neil

Dass gleich als Nummer 4 schon Home Sweet Home angestimmt wurde erschien mir strategisch falsch. Dieser Song mit seinem „jetzt liegen wir uns alle in den Armen “-Charakter gehört für mich ans Ende. Aber vielleicht bin ich auch einfach zu sehr alten Traditionen behaftet.

Es wurde ja bereits hinreichend durchgekaut, aber als Vince mitten im Set die Bühne verließ und es nicht so aussah als wenn er bald zurückkommend würde, war auch ich etwas verwirrt. Bei einem Back Katalog wie ihn Mötley Crüe vorzuweisen hat, ein Medley aus Coversongs einzubauen erschien mir schon im Vorfeld völlig überflüssig, aber daß Jeff „Blando“ Bland singen würde, war mir nicht bewusst.

Zugegeben, stimmlich hat Bland um Welten mehr drauf als Vince und unter anderen Vorzeichen wäre das eine verdammt gute Party geworden. Die später in der Presse nachzulesende Erklärung, dass Vince seiner Band die Gelegenheit geben wollte ihr Können zu zeigen hätte er uns besser bereits an diesem Abend gegeben, das hätte der Aufregung hinterher vielleicht etwas die Schärfe genommen, und möglicherweise hätten dann auch nicht so viele Zuschauer den Rückzug angetreten. Ich habe es bei einem Headliner in Balingen vor der Bühne noch nie so leer erlebt.

Nach diesem 15-20-minütigen Intermezzo ging es weiter und damit die Show nicht ganz ohne ein heißes Blondie auskommen muss kam Vince‘ Lebensgefährtin kurz als Assistentin auf die Bühne. Im Anschluß war noch Zeit für vier weitere Crüe Hits und danach war Schluß. Ohne Rauch, ohne Kanone, ohne Feuer. Früher war mehr Lametta!

Beim Blick auf die Setlist wundert mich auch die von ihm in einem Interview getätigte Aussage, dass er bei seinen Soloshows Songs einbaut, die Crüe nie gespielt hätten. Wo waren die? Auch von seinem durchaus hörenswerten Solomaterial hätte ich mir das eine oder andere Stück gewünscht.

Wer qualitätsmässig von der Show enttäuscht war, der hatte möglicherweise eine falsche Erwartungshaltung, denn daß Vince live nicht wie Vince von CD klingt hätte jedem klar sein müssen.

Tatsächlich war er, für seine Verhältnisse, stimmlich gut drauf, hat die Bühne im Laufschritt von links nach rechts bedient, und machte einen keineswegs gelangweilten oder schlecht gelaunten Eindruck.

Wenn man die bittere Pille, dass es eben nicht Mötley Crüe ist, sondern nur die Light-Version davon, erst mal geschluckt hat, bleibt im Grunde nur noch die Kürze der Show bzw. die kurze Anwesenheit von Vince als Kritikpunkt übrig. Vielleicht sollte er zukünftig seine Shows unter das Motto stellen: „You’re invited but Vince can’t come“. 😉

Ich kaufe ihm durchaus ab, dass er immer noch Spaß an der Sache hat und immerhin war er der einzige aus der Band, der beim Abschiedskonzert Tränen vergossen hat, aber Spaß allein genügt nicht und „ich hab ihn schon viel schlechter gesehen“ ist im Grunde auch nicht der Maßstab den man anlegen sollte. Würde er in einem Großkonzern arbeiten, so hätte er schon längst ein „Performance Improvement Program“ an der Backe mit wöchentlicher Leistungskontrolle! Er ist noch jung genug, und könnte mit ein wenig Disziplin an seiner Form arbeiten, denn auf diese Art wird das nicht mehr lange gut gehen.

Die Zugabe zu diesem Auftritt gab es von Horst Franz himself, für den die Verpflichtung der Stimme von Mötley Crüe offenbar eine Herzenssache war, was dazu geführt hat, dass ihm etwas die Gäule durchgingen. Zwischenzeitlich hat sich das Ganze zwar in Luft aufgelöst, aber dadurch ist das Stimmungsbarometer an dem Abend noch etwas tiefer gefallen, als es Vince selbst schon fertiggebracht hatte.

Hoffen wir mal, dass vielleicht auch Mr. Neil etwas gelernt hat bei seinem Ausflug ins Schwabenland. Nämlich, dass Balingen nicht Los Angeles ist, Schwaben keine Ass-Kisser sind, und er sich mal überlegen könnte, ob er zur Trommel unterm Hemd vielleicht auch mal einen Arsch in der Hose entwickelt, der sich nicht von seiner Entourage wie eine Marionette bewegen lässt.

Roxxymeter: Kommen wir zur Bewertung. Vince hatte definitiv Spaß auf der Bühne und hat sich viel bewegt, sang mehr Text als erwartet, die Band hat alles gegeben und viel raus gerissen. Für den guten Willen und die sehr gute Band gibt es 4 Roxxys.

(Setlist: Dr. Feelgood, Piece Of Your Action, Looks That Kill, Home Sweet Home, Shout at the Devil, Whole Lotta Love / Heaven and Hell / Stairway to Heaven, Kickstart My Heart, Girls, Girls, Girls, Wild Side, Live Wire)


Bericht: Gunda Markert (Eier aus Stahl:-) und weitere Kleinigkeiten: Susanne Hentschel)
Fotos und Roxxymeter: Susanne Hentschel