Interview, Roxxy's Blog

Geoff Tate, der Jakobsweg und ein Küchentisch am Kaiserstuhl

Am 24. September 2016 stand in einem kleinen Weinort am Kaiserstuhl die Release Party an zu „Resurrection“, Teil 2 einer Trilogie von Geoff Tates Band Operation: Mindcrime.

Als ich gefragt wurde, ob ich auch vormittags bei der Weinlese dabei sein möchte, habe ich ohne zu überlegen zugestimmt, denn schließlich bin ich in einer Weingegend aufgewachsen. Der nächste Gedanke war allerdings die Erinnerung daran, wie sich so etwas bei 14 Grad und Nieselregen anfühlt.

Der Wettergott meinte es jedoch gut, und so fand ich mich morgens um 9 bei herrlichstem Wetter mit etwa 30 Mitstreitern in Eichstetten im Weingut Rinklin ein.

Geoffs Verbindung zu dem Weingut entstand über das Interesse seiner Frau an Ahnenforschung, und so bot sich eine Kooperation geradezu an, da sich Geoff bereits seit seiner Teenagerzeit für Weinproduktion interessiert.

Und dass er sich auskennt, und die Gummistiefel kein Showaccessoire sind konnte man sehen!

Insofern gab es viele spannende Themen zu besprechen, als wir uns nachmittags nach getaner Arbeit und einem typischen Imbiss im Weinberg gemütlich auf der Terrasse zum Interview gegenüber saßen.

Zunächst mal stand natürlich die neue Scheibe im Mittelpunkt des Interesses. Für mich als bekennendem Fan von 3-Minuten-Mitgröl-Mittanz-Songs stellte das Einhören in das Material der beiden ersten Teile der Trilogie durchaus eine Herausforderung dar. Aber zweifelsfrei hat mich das facettenreiche Machwerk überzeugt und dazu geführt, dass ich beim Hören von leichtem Unbehagen bis zu angenehmer Heiterkeit alle möglichen Stimmungen durchlebte. Und ich war neugierig was am Ende der Geschichte dabei herauskommt?

„Um eine Geschichte zu erzählen ist es schön, wenn man verschiedene Stimmungen rüberbringen kann. Der Charakter in meiner Geschichte erfährt, so wie es im Leben ja auch ist, viele unterschiedliche Emotionen. Ich habe versucht diese verschiedenen Gefühle in der Musik einzufangen, und damit den Rahmen für den Text zu bilden. Es ist interessant, wie du diese Emotionen aufgegriffen hast, denn ich habe versucht diesen Rahmen so umzusetzen, dass damit eine emotionale Reaktion beim Hörer erzeugt wird. Ich möchte, dass sie sich zeitweise gruseln, dann wieder melancholisch sind, und als nächstes leicht und glücklich“.

Zumindest bei mir hat der Meister sein Ziel erreicht! Teil drei wird dann das Resümee aus allem sein, sozusagen die Moral von der Geschichte, aber ob diese eher eine optimistische oder pessimistische Note enthalten wird, wollte er mir an der Stelle natürlich nicht verraten.

Da alle drei Teile zusammen geschrieben und aufgenommen wurden ist auch der letzte Teil bereits fertig. Allerdings noch nicht komplett gemixt und wie alles, was einem kreativen Prozess unterliegt, stelle ich mir vor, dass es schwierig ist die Finger davon zu lassen und liege damit richtig.

„Es ist sehr verlockend und manchmal gebe ich der Versuchung nach. Nicht dass etwas damit falsch wäre, aber nach einiger Zeit kann es sein, dass man wieder reinhört und sich denkt „Oh, ich könnte vielleicht das hier noch ändern“. Es ist immer noch machbar. So lange es noch nicht zur Plattenfirma geschickt wurde, ist es noch nicht fertig.“

Bei der Frage hinsichtlich einer bestimmten Zielgruppe, die er mit seiner Musik ansprechen möchte und der visuellen Umsetzung bleiben wir eine Weile hängen. Denn für mich ist es ganz klar eher Musik, die man zu Hause in Ruhe bei einem Glas Wein auf der Couch anhört und nicht headbangend, in einer Meute stehend, mit der Faust in die Luft gereckt. Da ich selbst aus einer ganz anderen, komplett zahlengetriebenen Welt komme, sehe ich im Geiste einen Marketingplan vor mir, lasse mich aber gern eines Besseren belehren.

„Es ist ein völlig egoistisches Unterfangen“

lacht er und erklärt, dass er im Grunde keine Zielgruppe im Sinn hat und froh ist, dass seine Zuhörerschaft ihm die Freiheit gibt das zu schreiben was er fühlt und wonach ihm ist. Doch gerade wenn man eine Geschichte erzählt, bei der die Figuren durch ein großes emotionales Spektrum geführt werden, kann das Resultat durchaus auch ein Publikum ansprechen, das besonders empathisch und sensibel ist.

Durch die filmartigen Bilder, die im Kopf während des Schreibens entstehen kann er sich auch vorstellen die Musik in einer Art cineastischem Rahmen umzusetzen, ähnlich wie das auch bei Queensryche der Fall war. (Anmerkung GM: Wenn das Ganze irgendwann mal zu einem zeitgenössischen Ballett führen sollte, bin ich schuld 😉 )

Da wir schon beim Themenbereich Business angekommen waren wollte ich gerne wissen, ob Erfolg für ihn eher etwas persönliches ist oder der monetäre Aspekt im Vordergrund steht?

Schon bei dem Wort „Dollar“ schüttelt er den Kopf und sagt, dass er denkt, dass sich die Art und Weise wie man Erfolg misst mit der Zeit ändert. Über die lange Zeit seiner Karriere hat er herausgefunden, dass Erfolg eine Geisteshaltung ist. Er fühlt sich immer dann ungeheuer erfolgreich, wenn er eine Platte fertiggestellt hat.

„Du meine Güte, das war jetzt ein Jahr meines Lebens, das ich der Sache gewidmet habe“.

Wenn sich die Scheibe gut verkauft ist das natürlich toll, wenn nicht, dann wendet er sich der nächsten zu. Erfreulicherweise ist er in einer Position, in der er nicht davon abhängig ist seinen Lebensunterhalt mit Plattenverkäufen verdienen zu müssen, und schätzt sich darüber sehr glücklich. Allerdings räumt er ein, dass er natürlich nur aus seiner Erfahrung heraus kommentieren kann und sich möglicherweise anders fühlen würde, wenn er nicht in dieser Situation wäre.

Und dann kommt aus dem tiefsten Grund seines Herzens der Satz

„Ich liebe es einfach Musik zu machen. Selbst wenn ich nicht den Lebensunterhalt daraus bestreiten würde, würde ich trotzdem Musik machen“.

Durch diesen schönen Tag, den wir bei strahlendem Sonnenschein erleben durften drängte sich mir die Frage auf, ob es eine bestimmte Umgebung oder Atmosphäre benötigt, um einen Song zu schreiben mit einer düsteren Stimmung?

Für Geoff spielt jedoch die Umgebung keine große Rolle, da es sich letztlich nur um einen Raum handelt, und selbst wenn er keine Fenster hat, dann ist das auch egal. Seine Arbeit findet in seinem Kopf statt und was sich außerhalb abspielt findet in diesem Bild keinen Platz.

Eine der Errungenschaften des 21. Jahrhunderts ist für ihn, dass er überall arbeiten kann, sei es im Hotelzimmer, oder auch im Flugzeug. Alles was er braucht ist sein Laptop oder ein Keyboard. Aber meistens arbeitet er zu Hause in seinem Studio.

„Ich verschwinde für 8-10 Stunden am Tag im Studio und bin in meinem eigenen Bereich. Und wenn jemand hereinkommt, um mir etwas zu sagen, oder wenn ich eine Pause mache ist es sehr schwierig für mich diese Tür von meinem Gehirn aufzuschließen und für eine Weile herauszukommen. Ich bin immer so versunken, dass es eine Zeitlang braucht, um mich loszureißen.“

Neben Keyboard und Klavier spielt er auch noch Saxophon und gibt mir auf meine Frage, ob er sich alles selbst beigebracht hat die philosophische Antwort, dass wir letzten Endes alle Autodidakten sind. Doch tatsächlich hatte er ab dem Alter von 9 Jahren Unterricht und unternahm die ersten musikalischen Gehversuche in der Schulband, später bei einer Jazzband, bis er dann mit Freunden, die ebenfalls etwas anderes machen wollten beim Progressive Rock gelandet ist.

Er erinnert sich lachend daran wie sie einen Schulfreund beauftragten, alles zu besorgen was man braucht, um einen Synthesizer zu bauen, weil sie zu der Zeit alle total auf Emerson, Lake & Palmer standen. Synthesizer waren damals gerade erst herausgekommen und kosteten einen Haufen Geld. Aber es gab ein Versandhaus für Elektronikteile namens PAIA, und sie verdienten sich das Geld mit Gelegenheitsjobs, von Rasen mähen bis Zäune streichen, bis sie genug Geld zusammen hatten, um mit Hilfe seines Vaters und anderer Freunde einen Synthesizer zu bauen, um damit das Solo von „Lucky Man“ nachzuspielen.

„Das war der Anfang einer Zeit mit viel interessanter elektronischer Musik und Soundeffekten“.

Die Tendenz Profimusiker zu werden war bereits im Alter von 17 oder 18 vorhanden, aber bis Queensryche letztlich bei einem Major Label unterzeichneten, sollten etwa 26 verschiedene Jobs zusammenkommen.

Ein Job wurde zwar nicht daraus, aber das Interesse am Wein hat zu dem geführt, was heute am Kaiserstuhl unter dem Namen „Insania“ in Flaschen abgefüllt wird.

„Ich habe das angefangen zu lernen als ich jung war. Ich las ein interessantes Buch mit dem Titel „Auch du kannst Wein machen!“ und ich dachte „Wirklich? Ich kann Wein machen? Okay!“

Natürlich wollte ich wissen wie der Entstehungsprozess ist, wieviel Einfluss Geoff auf den Wein hat, und so wie die Atmosphäre in Eichstetten schon erahnen ließ, geht es auch dabei bodenständig zu. So sitzt man gemeinsam am Küchentisch, trinkt Wein, spricht darüber, geht durch die Weinberge, isst Trauben, nimmt den Geruch in sich auf, zerreibt Erde in den Händen und lässt das Land auf sich wirken.

Daraus ergibt sich ein Einverständnis darüber was die Erde hervorbringen kann und diese Vision setzt Friedhelm Rinklin dann als sehr erfahrener Fachmann um.

„Um zu verstehen, was du bekommst, wenn du die Trauben kelterst und vergärst, musst du die Landschaft verstehen“

Am Abend konnte ich „Insania“ dann auch probieren, ein Grauburgunder mit, für meinen Geschmack, angenehm wenig Säure. Durchaus ein leckerer Tropfen!

Eingangs hatte ich Geoff bereits gewarnt, dass ich als Rock Chick vielleicht einige Fragen haben werde, die er von den männlichen Kollegen nicht gewohnt ist. Und so musste natürlich die Frage nach der Wichtigkeit des Stage Outfits kommen. Mit seinem dunkel-violetten Hemd hatte er bereits einen Pluspunkt gesammelt, und so war ich doch etwas überrascht zu hören, dass ihm das Outfit gar nicht so wichtig ist.

Zunächst mal muss es für ihn bequem sein. Auf der Bühne zu stehen, zu singen, ein Instrument zu spielen, erfordert sehr viel Konzentration. Und da kann man nichts brauchen, worin man sich unwohl fühlt und was die Konzentration stört. Wenn also die Hose zu eng ist, das Hemd nicht sitzt oder die Schuhe drücken, dann lenkt das ab.

Aber auch der zweite Aspekt ist eher praktischer Natur, denn die Kleidung sollte die Musik ergänzen und zur Show passen. Wenn es also eine Show ist, bei der vorher schon klar ist, dass man sich viel bewegt und es heiß wird, dann sollte die Kleidung nicht sofort durchgeschwitzt sein. Die Auswahl fällt anders aus bei einer Akkustik-Show, wo man die meiste Zeit sitzt und eher darauf achtet, dass nichts kneift.

Was Stil anbelangt so hat er über Jahre herumexperimentiert und verschiedene Dinge ausprobiert, denn er mag Kleidung und mag es unterschiedliche Dinge zu tragen. Dabei ist er nicht auf etwas Bestimmtes festgelegt, jedoch vielleicht mit einer Ausnahme.

„Ich habe viele Westen, denn ich mag sie einfach. Sie halten warm, sind bequem, können sehr stylisch sein, es gibt sie in vielen Farbzusammenstellungen und man kann sie bei Bedarf einfach ausziehen. Aber allzuviel Gedanken über Mode habe ich mir trotzdem nie gemacht“.

Das nächste eher weiblich geprägte Thema betrifft seine 5 Töchter. Nicht einfach nur Kinder, sondern auch noch Töchter! Wie hat er das nur hinbekommen, insbesondere wenn man an das Thema Pubertät denkt? Er lacht und gibt zu, dass es echt schwierig war.

Dass er und seine Frau ein gutes Team sind hatte ich schon vormittags im Weinberg bemerkt und er schwärmt, dass er das alles ohne seine Frau nicht geschafft hätte, da er sich einfach nicht so als der väterliche Typ sieht. Klar war er immer für seine Kinder da, stand als Wegweiser und Ratgeber zur Verfügung, aber hat sich viel seiner Phantasiewelt gewidmet in diesen Jahren, während seine Frau die Fäden zusammenhielt.

„Ich habe eine sehr gut organisierte und starke Frau, die quasi der Chef der Familie ist, sie organisiert alles und ist darin unglaublich gut. Sie hat einen super Job als Mutter gemacht und 5 sehr glückliche, junge Frauen großgezogen. Wir sind jetzt auch Großeltern und haben 6 Enkelkinder“

Der Stolz auf seine große Familie ist ihm anzumerken und er sagt: es ist nicht so, dass ich keinen Spaß an ihnen hatte als sie klein waren, aber heute mit ihnen als Erwachsene habe ich vielleicht sogar noch mehr Freude.

„Ich nehme sie heute auf eine andere Weise wahr. Ich bin nicht mehr für sie verantwortlich, sie sind eigenständig, das hat unsere Beziehung verändert und ich liebe das. Ich muss nicht mehr der Vater sein, der sie anleitet“

Was mich noch interessiert ist, welche neue Bands ihm gefallen und hier muss er zunächst eine Weile nachdenken.

„Ich mag Disturbed, sie sind nicht unbedingt neu, aber neu für mich“

Doch letztlich gesteht er, dass er nicht viel andere Musik hört und zwar nicht, weil sie ihm nicht gefällt, sondern weil es zu sehr ablenkt. Er begründet es damit, dass er zu vertieft ist in das was er selbst macht, und es schwierig ist Musik von anderen zuzuhören, da es den Fluss unterbricht von dem was man schreibt.

„Selbst wenn ich nicht schreibe und mit dem Studio fertig bin für den Tag, und ich noch einige Stunden habe bevor ich bewusstlos werde, bin ich im Kopf immer noch mit der Entwicklung des Songs beschäftigt.“

Dann kann es sein, dass er plötzlich auf die Melodie stößt, an der er den ganzen Tag gearbeitet hat und wieder runterläuft ins Studio, um die Idee schnell aufzuschreiben.

Er muss lachen als er sagt, dass Leute, die bei ihm im Auto mitfahren mit den Augen rollen, weil er nicht mal ein Radio im Auto hat. Aber er hört beim Autofahren lieber der Stille zu, oder seinen Gedanken, oder unterhält sich.

„Ich habe nie die Leute verstanden, die Musik einschalten und dann anfangen über die Musik hinweg zu sprechen. Was soll das?“

Zu guter Letzt möchte ich erfahren, was er auf seiner Bucket List stehen hat? Was hat er an Träumen, Wünschen, Vorstellungen, die er gern realisieren möchte, ganz egal, sei es einen Marathonlauf, oder den Jakobsweg, bis hin zum Fallschirmsprung?

Sowohl den Fallschirmsprung, als auch den Jakobsweg hat er bereits hinter sich gebracht und letzteres finde ich so interessant, dass sich die Frage nach den anderen Träumen völlig erledigt hat und auf mein Nachfragen höre ich mit Erstaunen, dass der Jakobsweg letztlich der Grund ist, warum wir hier zusammensitzen und uns über das Resurrection Album unterhalten.

Er erzählt, dass er schon lange die Idee hatte ein Konzeptalbum als Trilogie zu machen, aber es fehlte ihm eine Story. Und während er mit Susan 4 Wochen den Camino Francés gelaufen ist, kam die Idee auf einmal angeflogen. Und so blieb er zwischendrin immer wieder stehen und machte sich Notizen, während Susan auf ihn warten musste. Am Ende des Weges stand die Story in groben Zügen fest. Die Charaktere, ihre Beschreibung, und auch ein Teil der Kompositionen war als Entwurf auf seinem Laptop festgehalten. Zurück in Seattle nahm das ganze Formen an und es wurde das daraus, was wir heute kennen.

Generell kann er jedem, unabhängig von der körperlichen Verfassung, empfehlen den Jakobsweg zu gehen. Nicht nur wegen der wunderschönen Landschaft und dem tollen Essen, sondern hauptsächlich wegen des Gehens als spirituelle Erfahrung.

Mit dieser Empfehlung ist unser sehr angenehmes und interessantes Gespräch beendet und da der dritte Teil im Herbst 2017 veröffentlicht werden soll, werde ich vielleicht an gleicher Stelle erfahren wie die Trilogie endet.

Am Abend kamen wir noch in den Genuss einer intimen Akkustikshow, die den Schlusspunkt setzte unter einen rundherum gelungenen Tag.

Text: Gunda Markert
Fotos: Gunda Markert